Viele
Trassenkumpel halfen Juliane bei der Bewältigung der
Aufgabe, OBL IV "History" sozusagen. Hier ist das Resultat:
Facharbeit
über das Zentrale Jugendobjekt "ERDGASTRASSE"
von Juliane Aronia Fröhlich.
1. Einleitung
Trasse- was ist denn das?
Nicht nur meinen Klassenkameraden geht es so, viele
Menschen können sich einfach nichts unter dem Begriff
"Trasse" vorstellen. Doch warum? Es war ein so populäres
Projekt, der Jugendorganisation Freien Deutschen Jugend
der damaligen DDR, warum können so wenige etwas damit
anfangen? Mit dieser Facharbeit möchte ich versuchen,
diese "Wissenslücke" zumindest bei einigen Interessierten
zu schließen. Sicher fragen sich viele, warum mir soviel
daran liegt, dass die Trasse nicht in Vergessenheit
gerät.
Angefangen hat alles mit meinem
Onkel Herwig Gundlach, genannt Charly, der von Januar
1986-Juli 1991 am „Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse"
teilgenommen hat und jetzt ein neues Leben im fernen
Tschaikowsky, kurz vor der asiatischen Grenze, führt.
Mich interessiert einfach, wie es meinen Onkel nach
Russland verschlug, in einen Ort ca. 3500 km entfernt
von Deutschland. Fast zwanzig Jahre lebt er nun schon
dort und Urlaub im heimischen Deutschland ist teuer.
So versuche ich diesem Teil meiner Familie durch meine
Recherchen etwas näher zu sein.
Während meiner Arbeit habe
ich viele hilfsbereite Menschen kennen gelernt, die
mir beim Recherchieren hinsichtlich meiner Facharbeit
zur Ergastrasse sehr geholfen haben- ohne sie hätte
ich es sicher nicht so schaffen können. Mich hat die
Hilfsbereitschaft der vielen ehemaligen Trassenerbauer
sehr überrascht, da man dies in der heutigen Gesellschaft
nur selten erlebt und schon gar nicht in diesem Ausmaß.
Natürlich gab es auch weniger freundliche Menschen,
die mir erst ihre Hilfe angeboten haben, dann einen
Rückzieher machten. Sogar mit einer Anzeige drohte man,
sollte ich die Antworten veröffentlichen. Darüber war
ich einerseits sehr traurig, doch es spornte mich anderseits
auch zusätzlich an, denn nun wollte ich zeigen, dass
meine Facharbeit eine seriöse Arbeit wird. Sie soll
dazu dienen, den Arbeitern an der Trasse vielleicht
ein kleines Denkmal zu setzen und dadurch die Erinnerung
an die Erdgastrasse zu bewahren, aber auch Unwissenden
einige Fakten zu liefern?
2. Wirtschaftliche
Gründe zum Bau der Erdgastrasse
Doch was führte eigentlich
zum Bau der Erdgasleitungen? Zunächst konnten die geringen
Bodenschätze der damaligen Deutschen Demokratischen
Republik die Entwicklung der chemischen Industrie und
den steigenden Energieverbrauch der Wirtschafts- und
Privathaushalte nicht Zukunft sichernd decken. Die Erdöl-
und Erdgasvorkommen waren in der DDR ziemlich gering,
so zum Beispiel nur um Salzwedel, bei Bad Langensalza,
in der Nähe von Reinkenhagen sowie das Gebiet um Rüdersdorf
und Erkner. Zur Verarbeitung gelangte der Rohstoff über
Erdgasleitungen in die Gebiete der chemischen Industrie
(z. B. Halle, Bitterfeld, Dessau sowie Wolfen) und der
Energiegewinnung (z. B. Senftenberg, Schwedt und Leuna).
Auch per Tanker wurde Erdöl aus anderen Teilen der Welt
eingeführt.
Die Erdöl- und Erdgasvorkommen
in der damaligen Union der Soziaistischen Sowjetrepubliken,
der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, waren jedoch
im Gegensatz zur Deutschen Demokratischen Republik von
enormen Ausmaß- die Nutzung dieser Bodenschätze jedoch
äußerst schwierig. Zu bedenken waren da die Entfernungen
zu den Verarbeitungsorten und der große Aufwand bei
der Erschließung der Rohstoffe durch die UdSSR. Der
Abbau von Rohstoffen in Sibirien und anderen Teilen
der UdSSR war von großer Bedeutung für das damalige
Wirtschaftswachstum der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.
Um die wirtschaftliche Entwicklung
der Mitgliedsländer des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe
zu koordinieren, wurde die Ausarbeitung der Fünfjahrpläne
der einzelnen Länder inhaltlich, methodisch und terminlich
abgestimmt, so dass mithilfe der sozialistischen ökonomischen
Integration diese Erschließung in Angriff genommen werden
sollte. So beschloss man den Bau der ersten Pipeline-
der „Drushba- Trasse" sowie den Bau der danach folgenden
Erdgasleitungen Nordlicht (Nordweg) und Sojus (Südweg).
Das letzte Projekt der RGW- Länder war der Bau der Erdgastrasse
von Urengoi bis Ushgorod, bei der alle teilnehmenden
Länder an ihre wirtschaftlichen Reserven gingen. In
„Der Sozialismus- Deine Welt" äußert sich Gerhard Schürer
folgender Maßen zur sozialistischen ökonomischen Integration:
[…] Das Produktionsmaterial der Brüderländer erhöht
sich in beachtlichem Maße, wird immer effektiver genutzt.
Und das alles geschieht zum Wohle unserer Völker. […]
Heute gibt es kaum noch Betriebe oder Institutionen
in unserer Republik, die nicht direkt oder indirekt
in die vorteilhafte sozialistische internationale Kooperation
und Spezialisierung der RGW- Staaten (…) in den Erfahrungsaustausch
über Ländergrenzen hinweg einbezogen wären. […] Bei
der Lösung der damit zusammenhängenden Probleme trägt
auch unsere Jugend eine große Verantwortung. Vor Verbandsaktivisten
der FDJ kennzeichnete der Generalsekretär des Zentralkomitees
der SED, Erich Honecker, die Integration der sozialistischen
Bruderländer als eine revolutionäre Aufgabe unserer
Zeit. Bei der Entwicklung neuer Erzeugnisse in enger
Gemeinschaftsarbeit mit Fachleuten aus der UdSSR, aus
Polen, der CSSR und den anderen sozialistischen Bruderländern,
bei der Nutzung sowjetischer Rohstoffe(...)merken die
jungen Facharbeiter, Neuerer, Ingenieure und Wissenschaftler,
wie durch die Vereinigung der Kräfte der Sozialismus
gestärkte wird.[…]Die RGW- Länder bauen dabei auf den
Erfahrungen einer bewährten und erfolgreichen Zusammenarbeit
auf. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wirken unsere
Bruderländer in der ersten sozialistischen multilateralen
Wirtschaftsorganisation, dem Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe,
erfolgreich zusammen und haben internationale Beziehungen
völlig neuen Typs entwickelt. Das hohe Wachstumstempo
der Volkswirtschaft der RGW- Länder beweist, dass die
wirtschaftliche Zusammenarbeit für alle RGW- Länder
von großem Vorteil ist.
In einer Facharbeit über das
„Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse" darf dessen Vorgänger-
die „Drushba Trasse" natürlich nicht fehlen. Angefangen
hat alles, als man 1966 Erdgaslagerstätten bei Urengoi
mit einem Gesamtvolumen von circa 5,5 Billiarden Kubikmetern
Erdgas entdeckte. Man plante den Bau eines riesigen
Systems zur Erschließung dieser gewaltigen Vorkommen.
Als sich die Mitgliedsländer auf der XXVIII. Tagung
des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe= Wirtschaftspakt
der sozialistischen Länder) vom 18. - 21. Juni 1974
in Sofia trafen, um den gemeinsam Bau einer 2750 Kilometer
langen Erdgasleitung mit allen dazugehörigen technischen
Anlagen und Bauten zu beschließen, konnte mit der Arbeit
begonnen werden. Von Orenburg, im Ural bis Ushgorod
an der Westgrenze der UdSSR (Karpaten) sollten diese
Erdgasleitungen von den vertretenden Ländern verlegt
und circa alle 120 km eine Verdichterstation gebaut
werden. Die riesigen Erdgasvorkommen der Sowjetunion
sollten erschlossen und mittels Pipelines in Richtung
Westen transportiert werden, wo es dann weiter genutzt
oder veredelt wurde. Somit erhielten die Volksrepublik
Bulgarien, die CSSR, die Volksrepublik Polen, die DDR
und die Ungarische Volksrepublik je einen circa 550
km langen Bauabschnitt der Drushba- Trasse.
Von Krementschug am Dnepr
bis Bar in der Westukraine verlief der Bauabschnitt
der ehemaligen DDR. Die Standorte der gesamten Drushba-
Trasse waren in Krementschug, Alexandrowska, Talnoje,
Gaisin und Bar sowie Tscherkassy, wo die Baudirektion
ihren Sitz hatte. Der Lineare Teil hatte seine Standorte
neben Krementschug, Alexandrowska und Talnoje noch in
Swetlowotsk, Glinsk und Spola. Alle teilnehmenden Länder
mussten, neben dem Erbauen der Pipeline in ihrem Bauabschnitt
noch Wohnungen bauen sowie Kindergärten, Kaufhallen
und andere Gesellschaftsbauten errichten. Alle diese
Bauten waren für das Bedienungspersonal der Verdichterstationen
sowie für die Bevölkerung vorgesehen. Zum Leistungsumfang
gehörte auch der Bau von Straßen, Stromversorgungs-
und Kommunikationseinrichtungen. Am 05. Oktober 1974
schlug das Politbüro des Zentralkomitees der SED der
Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend" vor, den
Bau der Erdgasleitung als "Zentrales Jugendobjekt Drushba-
Trasse" zu übernehmen. Dass man wichtige Bauobjekte
oft dem DDR Jugendverband übertrug, hatte in der DDR
durchaus Tradition, wie zum Beispiel der Talsperrenbau
bei Sosa oder Maxhütte. Doch es ging ins Ausland, dies
war etwas anderes. Zwar nur in Richtung Osten, aber
das hieß schon was. Mobile Wohnlager für die ersten
Trassenerbauer entstanden. Es gab ein Jugendprojekt
"Interflug", welches die ständige Verbindung zwischen
Berlin und Kiew übernommen hatte. Die ersten Forstarbeiten
begonnen und man fing mit den Planungen zum Bau der
zahlreichen Verdichterstationen und den Wohnungsbau
für das spätere Bedienungspersonal an. In „Der Sozialismus-
Deine Welt" schreibt Gerhard Schürer: "Ein leuchtendes
Beispiel ist der gemeinsame Bau der Erdgastrasse >Drushba<
von Orenburg zur Westgrenze der UdSSR. Dort bewähren
sich Tausende der besten FDJler in harter Arbeit und
festigen die Freundschaftsbande mit dem Leninschen Komsomol."
Nach vielen Jahren Arbeit reisten Ende des Jahres 1979
die letzten Trassenerbauer zurück in die Heimat und
das Kapitel Drushba- Trasse war damit abgeschlossen.
Die Drushba- Trasse war das Vorzeigeobjekt der DDR und
sollte dann nur noch vom Zentralen Jugendobjekt Erdgastrasse
"übertrumpft" werden.
Bereits 1978, kurz vor dem
Ende des erfolgreichen Zentralen Jugendobjektes Drushba-
Trasse, fanden erneute Besprechungen und Beratungen
der RGW- Länder über weitere gemeinsame Projekte zur
Erschließung der sowjetischen Erdgasvorkommen statt.
Unter der sowjetischen Erde gab es noch sehr viele Erdgasvorkommen
und die Mitgliedsstatten des Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe,
insbesondere die DDR brauchten diese wertvollen Rohstoffe
für die Versorgung ihrer Länder. Doch erst 1982 wurde
das Thema Erdgasleitungsbau wieder aufgenommen. Das
nächste gemeinsame Projekt der RGW- Länder sollte von
Urengoi bis Ushgorod verlaufen und das wertvolle Gas
der ehemaligen Sowjetunion in den Westen transportieren.
Neben dem Errichten der Erdgasleitungen plante man außerdem
noch den Bau von insgesamt 40 Verdichterstationen sowie
den Bau vieler sozialer und gesellschaftlicher Einrichtungen.
Durch die hervorragende Leistung
der DDR beim Bau der ersten Trasse, bekam sie nun bei
der vier Mal längeren Pipeline zwei Bauabschnitte zugeteilt.
Der erste Bauabschnitt befand sich wieder in der Ukraine
und der zweite in Russland südlich von Moskau. Die Standorte
der Ukraine waren in Bar, Gorodenka, Bogorodtschany,
Wolowez, Stryi sowie in Iwano- Frankowsk, Gussjatin,
Tolstoje und Beresowka. Jefremow, Perwomaiski, Lipezk,
Starojurewo, Serpuchow und Tula waren unter anderem
Standorte in Russland. Die Gesamtbauzeit war für zwei
Jahre angesetzt und die Realisierung innerhalb des angesetzten
Zeitraums sollte zur Rekordleistung werden. Nach dem
Abschluss der Bau- und Montageleistungen sah man eine
Förderung von jährlich 200 Millionen Kubikmetern Erdgas
vor. Das Erdgas sollte dann nicht nur in die Deutsche
Demokratische Republik und in die anderen teilnehmenden
Länder gefördert werden, sondern auch nach Frankreich
sowie in die Bundesrepublik Deutschland und nach Österreich.
Im Februar 1982 wurden der FDJ dann die Leistungen des
Pipeline- Baus als Zentrales Jugendobjekt Erdgastrasse
übergeben. Die Bauleistungen waren fast genauso wie
an der Drushba- Trasse. So mussten die DDR neben dem
Bau der Erdgaspipeline noch Wohnungen, Krankenhäuser,
Kindergärten sowie kommunale Gebäude errichten. Doch
dieses Mal waren die Herausforderungen größer. Das Wetter
gab das Arbeitstempo vor und es mussten viele Hürden
überwunden werden, wie z.B. der Bau von Untergrundspeichern.
Außerdem mussten Flüsse überwunden sowie Eisenbahnlinien
und Straßen über- und unterquert werden. Für den Bau
der längsten Erdgasleitung setzte man zu leistende Baumaßnahmen
an, wie 40 Verdichterstationen in einem Abstand von
110 bis 130 Kilometern. Die unzähligen Verdichterstationen,
welche in bestimmten Abständen gebaut wurden, waren
große Industrieobjekte. Die Verdichterstationen mussten
das Erdgas auf seinem Weg reinigen, kühlen und unter
hohem Druck weiterleiten. Der Bau einer einzigen Verdichterstation
dauerte circa 1 ½ Jahre und oft wurden 2 oder mehr Stationen
an einem Ort gebaut. Beim Bau der Erdgastrasse war vorgesehen,
700 Kilometer Rohrleitung in einem schwerzugänglichen
Sumpfgebiet zu verlegen.
Mitte der achtziger Jahre
wurde in vielen DDR- Betrieben für einen Arbeitseinsatz
an der so genannten zweiten Trasse geworben. Jeder der
sich für das Projekt interessierte und sich einen Arbeitseinsatz
im Osten vorstellen konnte, hatte die Möglichkeit sich
bei den verschiedenen Betrieben der DDR, welche am „Zentralen
Jugendobjekt Erdgastrasse teilnahmen zu bewerben. Sobald
die Bewerbung der einzelnen „Trassenerbauer in spe"
in Sack und Tüten war und man die Zusage in den Händen
hielt folgte die Entscheidung wo man dann delegiert
werden sollte. Jeder Trassenerbauer konnte vor dem Beginn
seines Arbeitseinsatzes einen Antrag stellen und darin
seinen Wunsch äußern, wohin er gerne eingesetzt werden
wollte. Zum einem erfolgte die Delegierung aufgrund
dieser Anträge und zum anderen aufgrund der Vorschläge
der FDJ- Leitung und der Jugendbrigaden.
Die endgültige Entscheidung
traf man jedoch nur nach Absprache mit dem zukünftigen
Trassenerbauer. Bei welchem der vielen Hauptauftragnehmer
man wirklich eingesetzt wurde hing eigentlich von der
entsprechenden Qualifikation jedes Einzelnen ab. Da
zu gewissen Zeiten jedoch „Arbeitermangel" an der Trasse
herrschte, wurden Arbeiter wie Gärtner oder Tierpfleger
oft „zweckverfremdet" eingesetzt. In den verschiedenen
Fachbereichen setzte man jedoch nur ausgebildete Spezialisten
wie Schweißer, Maurer, Köche oder Krankenschwestern
ein, da man sich voll und ganz auf die Arbeitskräfte
verlassen können musste. Zunächst wurde jeder Einsatz
an der Trasse auf zwei Jahre angesetzt, die meisten
ließen ihren Vertrag jedoch verlängern. Gebaut wurde
an der Erdgastrasse von eigens dafür gegründeten Betrieben
bzw. von ausgegliederten Bereichen der großen Kombinate.
Die Hauptsitze und die Verwaltung der einzelnen Gewerke
befanden sich in der DDR, von wo auch die Organisation
erfolgte. Die Beschäftigten an der Trasse waren fast
alle Delegierte („Abgestellte") und im Grunde genommen
hatte jeder Trassenerbauer zwei Arbeitsplätze. Die eigentlichen
Betriebe mussten ihre Arbeiter für die Betriebe an der
Trasse abstellen und sie wieder einstellen sobald sie
ihren Einsatz beim großen Bruder beendet hatten.
Die verschiedenen Betriebe
zum Erbau der Erdgastrasse waren unterschiedlich groß,
was bedingt durch ihre Aufgabenstellung war. Die Anzahl
der Betriebsarbeiter reichte von wenigen bei HAN- Kultur
und HAN- Medizin bis zu einigen tausend bei z.B. BMK
und FLGB (LT). An den einzelnen Standorten waren so
immer zwischen 800 bis 2000 Arbeiter. Insgesamt waren
circa zwischen 12000 und 15000 Arbeiter am Zentralen
Jugendobjekt Erdgastrasse beschäftigt. Für die eigentliche
Arbeit an den Pipelines war der Lineare Teil zu ständig,
denn die Rohre durften nicht nur sinnlos zusammengeschweißt
werden- Präzisionsarbeit war erforderlich! Eine Naht
bestand aus mehreren Lagen und musste dann sauber verschliffen
werden. Die Arbeiter mussten ihre Aufgaben im Schlaf
beherrschen- die Planung, das Schweißen sowie die Bedienung
der Technik.
Im Sommer 1982 wurde dann
die Arbeit im Lipezker Abschnitt mit der Errichtung
der ersten Wohnunterkünfte und Versorgungseinrichtungen
für die Bauleute aufgenommen. Der erste Spatenstich
erfolgte am Kilometer 0 des Abschnittes der DDR, der
zugleich Kilometer 4238,3 der Erdgasleitung von Urengoi
bis Ushgorod war. Neben der Arbeit an der Erdgasleitungen,
den Verdichterstationen und den anderen Einrichtungen
wurden außerdem 14 Kilometer Straße von Perwomaiski
zur Verdichterstation Starojurjewo über sehr unzugänglichem
Sumpfgebiet verlegt. Im Oktober 1983 wurde dann die
erste von insgesamt drei Verdichterstationen in Starojurjewo
fertig gestellt. Im Jahr 1984 waren insgesamt 8713 DDR-
Bürger und davon 4928 FdJler beim Bau der Erdgastrasse
am Bauabschnitt der DDR beteiligt.
Bereits 1984, nach zwei Jahren
harter Arbeit an der Trasse bekam die DDR einen dritten
Bauabschnitt zugewiesen. Diesmal verschlug es die Trassenerbauer
in den Ural, wo die Anforderungen wirklich enorm waren,
z.B. die klimatischen Bedingungen, welche den Arbeitern
alles andere als behilflich bei der Arbeit waren. Für
diesen Bauabschnitt der DDR waren der Bau einer Strecke
von 800 Kilometern Erdgasleitung nach Tschaikowsky und
der Bau von acht Verdichterstationen vorgesehen. Die
ersten Wohnungsbauer trafen im Mai 1984 in Tschaikowsky
ein. In einem weiteren Bauabschnitt wurden außerdem
bis 1985 294 Kilometer Trasse zwischen Jelez und Serpuchow
in Richtung Moskau verlegt.
Zum Bau der Erdgasleitungen
steuerte die Union der Sozialistischen Sowjet- Republiken
nicht sonderlich viel bei. So wurden neben den Wohnungsbauplatten
auch die Baustelleinrichtungen völlig aus der DDR geliefert.
Außerdem ließ man einen Großteil der benötigten Lebensmittel
mit Ausnahme von Fleisch, Mehl, Obst sowie Gemüse und
Molkereiprodukte aus der Heimat kommen. Die Werkzeuge
Installationsmaterialien sowie die gesamten Wohnlager
und deren Einrichtung stammten ebenfalls aus der DDR.
Baustoffe aus der unmittelbaren Umgebung wie z.B. Sand,
Kies, Zement oder Steinen waren oft nur mit Problemen
und weiten Anfahrtswegen zu besorgen.
Das Zentrale Jugendobjekt
Erdgastrasse war das größte Auslandsprojekt der ehemaligen
DDR und noch heute strömt Erdgas von Sibirien nach Westeuropa.
Die von der DDR verlegten Kilometer der Erdgastrasse
stehen nun unter anderem unter der Obhut der Firma „Permtransgas".
Doch wer denkt denn in der heutigen Zeit daran, was
für ein gewaltiger Kraftakt es vor 20 Jahren war, wenn
er im Winter in der gut beheizten Stube sitzt? Im öffentlichen
Bewusstsein spielte die zweite Trasse kaum eine Rolle.
Großes Tamtam wurde jedoch an der Erdöltrasse durch
die Ukraine, der "Drushba- Trasse", gemacht. Dort arbeiteten
die Bruderländer mit. An der Erdgastrasse stand die
DDR jedoch fast allein an der Seite des großen Bruders
und ging mit diesem Projekt an ihre wirtschaftlichen
Grenzen.
Doch warum bewarben sich trotz
allem Tausende von Jugendlichen für einen Arbeitseinsatz
an der Trasse? Sicher, man versprach sich dabei eine
Menge Geld zu verdienen, von dem Arbeiter in der Heimat
nur träumen konnten, Vergünstigungen hier und da und
vielleicht auch einen Hauch Abenteuer. Und wie sah es
dann in der Realität aus? Trassenerbauer bekamen zwar
nach drei Jahren Trasse ihre „Autokarte", das hieß sie
mussten nicht so lange auf den heiß begehrten Trabbi
oder Wartburg warten und verdienten außerdem gutes Geld.
Nach fünf Jahren Arbeit stand einem Trassenerbauer sogar
eine Wohnungsbezugkarte zu und bestimmte DDR- „Mangelwaren"
waren viel einfacher zu bekommen.
Aber war es die harte Arbeit
wert? Gearbeitet wurde sechs Tage die Woche, meist zehn
Stunden am Tag und dazu kamen dann noch unzählige Überstunden.
Für einen normalen Arbeitstag waren jedoch nur 8 ¾ Sunden
Arbeit angesetzt und so wurden zusammen mit den zehn
Stunden Arbeit am Samstag die Mehrstunden der gesamten
Woche zusammengezählt, wobei man auf 16 ¼ Stunden kam.
Die gesamten Überstunden wurden addiert und nach drei
Monaten konnte man diese gegen einen vierwöchigen Heimurlaub
„einlösen". In zwölf Wochen hatten die Trassenerbauer
dann 195 Stunden Freizeit erarbeitet. Die Abgeltung
erfolgte in der Berechnung: erarbeitete Freizeit geteilt
durch die Summe der Freizeittage gleich der Summe der
Freizeittage, berechnet auf die Wochenarbeitszeit von
Montag bis Freitag, wie in der Heimat. Die Überstunden,
die man am Sonntag leistete bekam man bezahlt und nicht
als Freizeit abgegolten. Die Dienstleister, wie zum
Beispiel die Arbeitskräfte der Küche, Heizung und der
Reinigung mussten an jedem Tag arbeiten. Andere Gewerke
waren durch den hohen Termindruck dazu gezwungen an
freien Tagen zu arbeiten. Die Arbeiter an der Trasse
wurden genauso bezahlt wie vergleichbare Betriebe zu
Hause. Nur durch die zahlreichen Überstunden und dem
Trassenzuschlag von 20,- Mark bzw. 25,- Mark im Ural
verdiente man am Ende dann doch mehr, als die „Genossen"
in der Heimat.
Alle Arbeiter, die an der
Trasse arbeiteten, erhielten außerdem eine Auslöse von
sechs Rubel. Davon konnten sie drei Rubel auf ein Genex-
Konto einzahlen. Doch was sollten die Trassenerbauer
mit dem vielen zusätzlichem Geld auf ihrem „Rubel- bzw.
Genex- Konto" anfangen? Das ganze Geld konnten und wollten
die meisten sicherlich nicht für Kleinigkeiten am Brett
verschwenden. Das Brett war ja nur vergleichbar mit
einem kleinen DDR- Konsum oder einer DDR- Imbissbude,
wo man sich Lebensmittel und benötigte Gegenstände für
den täglichen Bedarf kaufen konnte. Schließlich waren
es pro Nase bis zu 270 Verrechnungsmark im Monat. Eine
Firma schien gerade zu perfekt für die Trassenerbauer
und ihr Geld zu sein- die „Genex Geschenkdienst GmbH".
Die ehemals Geschenkdienst- und Kleinexport GmbH wurde
am 20. Dezember 1956 von der DDR- Regierung gegründet.
Genex gehörte zu einer der wichtigsten Devisenquellen
der Kommerziellen Koordinierung, einer Abteilung des
Außenhandelsministeriums der DDR. Zu anfänglichen Zeiten
diente Genex nur als Geschenkdienst für Kirchengemeinden,
wurde jedoch nach dem Mauerbau 1961 weiter ausgebaut
und man lieferte dann sogar nach Dänemark und in die
Schweiz. Doch welche Möglichkeiten bot Genex den Arbeitern
an der Trasse? Für die Außenstehenden galt es als Lieblingswort
an der Trasse, doch sahen es die Trassenerbauer auch
so?
Der Genex- Katalog, aus dem
nicht nur die Trassniks bestellen konnten, ist eigentlich
vergleichbar mit z.B. einem üblichen „Quelle"- Katalog.
Ursprünglich war der Genex- Katalog „Geschenke in die
DDR" nur für Bürger der Bundesrepublik Deutschland gedacht,
die dann bestimmte Waren bestellen und mit Westgeld
bezahlen konnten. Die gewünschten Waren wurden dann
direkt an die Verwandten und Bekannten der DDR geschickt.
Bis zu 90 Prozent der gesamten Waren des Genex- Katalogs
waren aus DDR- Produktionen. So konnten die Arbeiter
neben Möbeln für die Lieben zu Hause in der Heimat,
Kosmetik, Kleidung und Hifi- Anlagen eigentlich auch
Lebensmittel kaufen, was jedoch nicht besonders relevant
für die Arbeiter war, da sie ja sehr gut versorgt wurden
und man sich den Rest am „Brett" kaufen konnte. Der
einzige und wohl auch größte Unterschied zwischen den
Genex- und den heutigen Warenhaus- Katalogen war, dass
man im Genex Motorräder und Autos ohne die üblichen
mehrjährigen Wartezeiten sowie Campingwagen und sogar
Fertigteilhäuser, die so genannten „Neckermannhäuser"
bestellen konnte. Wo man heute meist etliche Autohäuser
„abklappern" muss, brauchte man an der Trasse nur den
Genex- Katalog öffnen, sofern man sich das nötige Kleingeld
zusammen gespart hatte.
Das Bilanzvermögen von Genex
belief sich am 31.12. 1989 laut „Neues Deutschland"
vom 14. Juni 1990 auf geschätzte 44,1 Millionen DM.
Ab 18 Uhr hieß es für die
Trassenerbauer, nach stundenlanger Arbeit endlich Feierabend,
sofern man keine Überstunden leisten musste. Meistens
ging es gleich weiter zum Abendessen in den Speisesaal,
der zusammen mit der Küche den zentralen Ort nach der
Arbeit bildete. Die Versorgung an der Trasse war sehr
gut organisiert und jeder wurde satt. Täglich wurden
1300 Kilogramm Wurst und Fleisch aus der Heimat geliefert.
Manch ein Trassenerbauer spricht sogar von Verschwendung,
da sich ein Trassenerbauer am Abend zum Beispiel zehn
Scheiben Schinken nahm, jedoch nur vier aß- der Rest
landete im Müll. Dieses Problem wollten einige mit dem
Einführen von Lebensmittelkarten bewältigen, die Parteiführung
wollte dies aber nicht genehmigen. Nach dem Abendessen
trafen sich die Arbeiter beispielsweise zum Bier oder
es wurde ein Film gezeigt. Wenige Trassenerbauer hatten
persönlichen Kontakte zur Bevölkerung. Zum einen lag
der Grund in den schlechten Verkehrsmöglichkeiten, zum
anderen darin dass man sich oft weit entfernt von der
„Zivilisation" befand und außerdem waren private Kontakte
sowieso nicht so erwünscht.. Die Funktionäre schon eher,
welche für die wenige freie Zeit der Trassniks kulturelle
Höhepunkte organisierten. Seien es Volkstanzgruppen
oder Chöre, Filme oder Tanzveranstaltungen. In der Bevölkerung
spürte man einerseits die herzliche Gastfreundschaft
für Fremde, andererseits aber auch das Unverständnis
hinsichtlich der Verschwendung von Lebensmitteln in
den Wohnlagern. Außerdem gab es auch Kontakte aufgrund
bautechnischer Fragen und es war gut, wenn man dann
russisch konnte.
Ab und zu wurden Stadtbesichtigungen
organisiert oder die Arbeiter schafften es sich selber
eine Mitfahrgelegenheit zu besorgen und unternahmen
Exkursionen. So konnte man sich beim HAN- Technik einen
Bus organisieren und ins schöne und oft auch faszinierende
„Russische" fahren. Im Großen und Ganzen war jedoch
die HAN- Kultur für die Freizeitbeschäftigung der Trassenerbauer
zuständig. Zu den Aufgaben zählten hauptsächlich das
Betreiben von Büchereien, Kinofilme abzuspielen sowie
in der Organisation von Musikgruppen aus der Heimat
und anderen kulturellen Aktivitäten. So trug unter anderem
auch die Gruppe „MTS" zur Unterhaltung der Trassenerbauer
bei. Thomas Schmitt, Sänger der Gruppe berichtete mir
am 18. Februar 2005 während eines Auftritts im Kunstspeicher
Friedersdorf, dass jeder Besucher der Trasse erst einmal
seine Trinkfestigkeit beweisen musste. Wem es gelang,
der gehörte dazu. Außerdem erfuhr ich durch Thomas Schmitt,
dass die Trassenerbauer eine eingeschworene Gemeinschaft
war, aber auch ein wirklich dankbares Publikum. Der
Ehrenkodex spielte an der Trasse eine große Rolle und
die Gruppe spürte förmlich den harten Druck, unter dem
die Arbeiter standen. Thomas Schmitt erwähnte während
des Gespräches außerdem, dass nur Gruppen aus der Heimat
zugelassen waren und selbst da noch unter strengen Kriterien
ausgewählt wurde.
Der Ehrenkodex der Trasse
war der Zusammenhalt untereinander, er stand an erster
Stelle. Die Trassenerbauer wussten, dass sie alle gemeinsam
im gleichen Boot saßen und so half jeder jedem, ohne
eine Gegenleistung zu erwarten. Das ungeschriebene Trassengesetz
lautete hinsichtlich der Arbeit: „Geht nicht gibt's
nicht" und daran hielten sich alle. Der Text der Trassenhymne
zeigt, dass die jungen Trassenerbauer beweisen wollten,
dass Deutsche nicht nur Kriege führen können. Sie zeigten,
dass die Jugend an der gemeinsamen Wirtschaft ernsthaft
interessiert war und dieses auch durch harte Arbeit
beweisen wollte.
4. Politische Ereignisse
und Veränderungen während des Baus am Zentralen Jugendobjekt
Erdgastrasse
4.1 Erdgastrasse
- Machtmittel im Kalten Krieg?
Die teilnehmenden Länder setzten
alles daran, so schnell wie möglich fertig zu werden.
Sie wollten ihr Vorhaben in Rekordzeit schaffen- egal
zu welchem Preis und unter welchen Bedingungen für die
Arbeiter! Doch warum? Um anderen zu imponieren, um sich
in den Vordergrund zu stellen? War der Bau der Erdgastrasse
womöglich nur ein Kampfmittel des Kalten Krieges? Doch
was war er eigentlich- der „Kalte Krieg"?
Unter „Kalter Krieg" versteht
man die Meinungsverschiedenheit zwischen den Weltmächten
USA und Sowjetunion nach dem II. Weltkrieg. Eine wirkliche
militärische Auseinandersetzung wie es bei Kriegen eigentlich
an der Tagesordnung steht, gab es nicht. Dafür lieferten
sich die Streitkräfte jedoch hartnäckige wirtschaftliche,
diplomatische (außenpolitische) und ideologische Kämpfe.
Während der Jahre des Kalten Krieges wuchs das gegenseitige
Misstrauen, die Fronten verhärteten sich und so häuften
sich Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Für
die USA war die Politik der UdSSR aggressiv-expansionistisch.
Ein bedeutender Schritt in Richtung der Blockbildung
war der Marshall- Plan von 1947. Dazu kam außerdem die
Gründung der NATO und des Warschauer- Paktes- jeder
wollte den jeweils anderen übertrumpfen und das mit
allen Mitteln. Die Chancen auf ein vereintes und neutrales
Deutschland waren zerbrochen und so die Teilung der
Welt in zwei Machtblöcke besiegelt.
Zum Höhepunkt und zur Eskalation
des Kalten Krieges wurde der Koreakrieg von 1950 bis
1953. Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 begann der erste
Entspannungskurs der UdSSR, der das Konzept der „friedlichen
Koexistenz" (gleichzeitiges Nebeneinander) beinhaltete.
Die Sowjetunion erhoffte sich dadurch, den Druck von
außen zumindest ein wenig abzumildern. Nach einiger
Zeit hatten sich die Streitkräfte mehr oder weniger
gefertigt und ein verhältnismäßiges Gleichgewicht erreicht
und so schuf man die Vorraussetzung für Zusammenarbeit
und Entspannungspolitik. Doch der Rüstungswettlauf und
die ideologische Auseinandersetzung gingen trotzdem
weiter. Zu den Höhepunkten der folgenden Jahre gehörten
der Bau der Mauer von 1961, die Kubakrise 1962, durch
welche der Kalte Krieg fast zu einem heißen Krieg wurde
und der Kampf um die neuen selbstständigen Staaten der
Dritten Welt. Ab 1985 kam mit Perestroika und Glasnost
unter Michail Gorbatschow das Ende des Kalten Krieges.
Die Abrüstungsverhandlungen der beiden Weltmächte brachten
erste greifbare und entscheidende Ergebnisse hervor.
Sowohl die USA als auch die Sowjetunion setzten sich
z.B. mit der globalen Sicherheit und der politischen
Teilung Deutschlands auseinander. Ihr Ende fand die
weltanschauliche Auseinandersetzung des Kalten Krieges
zwischen USA und UdSSR mit der Auflösung des Ostblockes.
Ob die Trasse nun wirklich
ein Kampf- bzw. Machtmittel des Kalten Krieges war,
ist für mich auch nach intensiver Recherche nicht eindeutig.
In verschiedenen Lexika steht, dass es sehr wohl ein
Bereich des Kalten Krieges darstellte. Sie wollten durch
ihre Teilnahme beim Bau der Erdgastrasse beweisen, was
im Osten steckt und dem Westen zeigen, was in ihnen
und ihrer Wirtschaft steckt. Die DDR ging beim Bau der
Erdgastrasse an ihre wirtschaftlichen Grenzen und verbrauchte
Staatsreserven.
Um den Staat vor dem wirtschaftlichen
Zusammenbruch zu retten, entschied man im April 1985
in der Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen
Partei einen tief greifenden Umbau von Wirtschaft und
Gesellschaft. So legten die Abgeordneten die Grundsteine
für Perestroika und Glasnost. Die Perestroika, welche
von der Regierung unter Gorbatschow eingeführt wurde,
erstreckte sich auf die Wirtschafts- und Investitionspolitik
der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sowie
auf angrenzende Bereiche wie Wirtschaft und Technologie
und sollte eine konkrete Strategie und ein systematisches
Programm für die Entwicklung des Landes sein. Zum Ziel
setzte man sich die Dezentralisierung (Übertragung staatlicher
oder betrieblicher Aufgaben einer Zentrale an untergeordnete
Stellen) des extremen zentralistischen Wirtschafts-
und Planungssystem. Dieses Ziel wollte man durch das
Einführen eines gewissen Maßes an örtlicher Autonomie
und Selbstverantwortung erreichen. Dies bedeutete, dass
man die Entscheidungen für den Staat selber treffen
und auch für den Staat selbst verantwortlich sein wollte.
Ein Vorzeichen für das Ende des Sozialismus?
Außerdem sollten durch die
Perestroika Wirtschaftsunternehmen gestattet werden
und man wollte Entscheidungen treffen ohne gleich politische
Instanzen einschalten zu müssen. Durch Perestroika erhoffte
man sich auch die Ermöglichung von privaten Unternehmenszusammenschlüsse
und das Zusammenarbeiten mit ausgewählten ausländischen
Gesellschaften.
Zusammenhängend mit der Perestroika
wurde auch Glasnost von Michail Gorbatschow eingeführt.
Glasnost kommt aus dem russischem und bedeutet „Offenheit".
Die Reform sollte die restriktive (einschränkende) Politik
der Sowjetunion lösen. Glasnost sollte durch öffentliche
Diskussionen über politische Probleme, zur Kritik an
der sowjetischen Politik und Gesellschaft ermutigen.
Den Medien gewährleistete man größere Freiheit. So konnte
man nun seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen und
zwar auch solche, für die man vor der Einführung der
Reformen eigentlich verurteilt worden wäre. Außerdem
durften nun auch die Fehler der sowjetischen Regierung
aufgedeckt werden. So zum Beispiel der Kernkraftunfall
in Tschernobyl von 1986, als ein Reaktor des Kraftwerks
außer Kontrolle geriet und den bisher folgenschwersten
Reaktorunfall auslöste.
Nach der Reformeinführung
bewilligte Gorbatschow auch die Freilassung einer Reihe
politischer Gefangener und die Auswanderung einiger
Regimegegner und Dissidenten. Gorbatschows Ziel war,
dass interne Diskussionen erzeugt werden sollten, um
eine positive Haltung und Begeisterung der Bürger für
seine Reform der Sowjetunion zu erzeugen. Perestroika
und Glasnost ernteten immer mehr Kritik, als auch die
Amtszeit Gorbatschows ihrem Ende zuging. Die Kritik
erfolgte zum einen von jenen, denen die Reformen zu
langsam voran gingen und zum anderen von denen, welche
die Befürchtung hatten, dass Perestroika und Glasnost
zur Zerstörung des bestehenden sozialistischen Regimes
beisteuern und die UdSSR in die Anarchie stürzen würden.
Auch wenn die Trassenerbauer sich damals in der Sowjetunion
befanden, nutzten ihnen Perestroika und Glasnost recht
wenig, da sowohl die eine als auch die andere Reform
strikt von der Staatsführung der DDR abgelehnt wurden.
An der Trasse ging es nur um die Erfüllung der baulichen
Ziele.
Auf das, was sich die DDR-
Bürger zu Hause als auch an der Trasse nach den Ereignissen
des 11. Septembers 1989 erhofften, als die ungarische
Regierung die grüne Grenze öffnete, wurde am 9. November
Wirklichkeit. Die Regierung, welche seit dem Rücktritt
Erich Honeckers unter der Führung von Egon Krenz stand,
konnte dem ständig steigenden Druck sowohl wirtschaftlich
als auch politisch nicht mehr standhalten. Sie öffnete
deswegen am 9. November 1989 die Grenzen der DDR- die
Mauer fällt. Millionen von Menschen, egal ob BRD- oder
DDR- Bürger stürzen die Mauer und feiern den ersten
großen Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands. Tagelang
feiern die Deutschen aus Ost und West ein Fest des Wiedersehens.
Verwandte, die durch die Mauer seit 1061 getrennt waren
fallen, sich unter Freudentränen in die Arme und können
es kaum glauben.
Von den freudigen Ereignissen
in der Heimat bekommen die Trassenerbauer im fernen
sozialistischen Ausland nur vereinzelt etwas mit. Teilweise
versucht man den Trassniks den Fall der Mauer sogar
zu verheimlichen. Doch diese ahnen bereits das Eine
oder Andere und wundern sich, als plötzlich viele Polit-
Funktionäre verschwanden. Erst nach einer Woche erfahren
die meisten Trassenerbauer durch zurückreisende Urlauber
vom Mauerfall. Einige Arbeiter kamen auch nicht mehr
zurück zur Trasse nach dem aufregenden November 1989.
Im April 1990 bildete der
CDU- Politiker Lothar de Maiziere die erste demokratisch
legitimierte Regierung der DDR. Unter seiner Führung
fanden die Gespräche mit der Bundesregierung der BRD
zur Wirtschafts- und Währungsunion statt. Diese trat
dann am ersten Juli mit der Einführung der Deutschen
Mark (DM) in der DDR in Kraft. Doch die Wende bedeutete
für die Trassenerbauer nicht nur Reisefreiheit beziehungsweise
Verwirklichung früher erträumter Chancen. Nein, für
die Trassenerbauer kamen mit der Wende und der Wiedervereinigung
einzig allein die Entlassungen. Nur wenige Trassniks
blieben in Russland, da sie inzwischen eine Familie
gegründet hatten.
Nach und nach reisten die
Trassenerbauer zurück in die Heimat. Vielen fiel der
Abschied schwer, anderen weniger, doch die Freude auf
Daheim und die Neugier auf das Leben im freien, offenen
und vereinten Deutschland erleichterten den Abschied.
Was man durch den Arbeitseinsatz an der Trasse verpasst
hatte, holten die meisten nach, wie zum Beispiel der
Gang durch das Brandenburger Tor. Auf kurz oder lang
beeinflusste das Ende der DDR auch das Ende des „Zentralen
Jugendobjekts Erdgastrasse", zwar nicht abrupt, jedoch
absehbar. 1993 waren die übernommenen DDR- Verträge
zwischen der UdSSR und der BRD im Großen und Ganzen
abgeschlossen und erfüllt. Das Vertragsende besiegelte
das ENDE der Erdgastrasse.
Frage 1: Ich war von 1988
bis 1991 an der Trasse. In den verschiedenen Abschnitten.
Frage 2: Der Hauptgrund meiner
Bewerbung war meine Scheidung. Es war der materielle
Wunsch den ich mir selber gestellt habe.
Frage 3: Dazu kann ich bis
heute keine Aussage treffen, als ich gegangen bin habe
ich nicht um Erlaubnis gefragt. Lediglich meine Eltern
waren habe es nicht gern gesehen das ich gegangen bin.
Es ging aber nicht um den großen Bruder, es war allgemein,
egal wohin ich gegangen währe.
Frage 4: In Bezug auf politische
Zugehörigkeit kann ich nicht sagen. Ich war niemals
Mitglied der FDJ, meine Mitgliedschaft erstreckte sich
auf die NdPD, als Opposition. Das hatte aber keine Bedeutung
auf meinen Einsatz.
Frage 5: Zur Unterkunft, hatte
ich zwei. Eine Im Wohnlager, und ein Zimmer in der Stadt.
Das hängt aber auch mit meiner Tätigkeit zusammen. In
beiden Unterkünften war ich allein.
Frage 6: Mein Arbeitstag verlief
im System, in Asien 12 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf,
4 Stunden Bereitschaft. Im Ural 12 Stunden Arbeit, 12
Stunden frei. In beiden Abschnitten wurde bis zur Wende
an den Sonnabenden und Sonntagen gearbeitet. Nach der
Wende habe ich dieses zwar fortgesetzt, aber das war
die Ausnahme, nicht jeder konnte das. Dabei sind Schichten
entstanden von 18 Stunden Arbeitszeit
Frage 7: Wenn es sich um den
normalen Tagesablauf handelt, dann waren gewisse Aufgaben
zu erfüllen, wie in jedem anderen Betrieb auch. Es gab
Vorgaben was erledigt werden musste. Bei mir speziell
handelt es sich um die Instandhaltung von Baustelleneinrichtungen
( elektrische Versorgung ) Instandhaltung von Kran und
Aufzugsanlagen und andere Einrichtungen. Heute würde
man sagen ich war als Service Monteur im Rahmen meiner
Fähigkeiten vor Ort.
Frage 8: Ob Ergebnisse manipuliert
wurden vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur
von mir zu berichten. Das es meine Aufgabe war die Technik
in Ordnung zu halten, damit die Produktion nicht steht.
Da haben manchmal die 12 Stunden Arbeitszeit nicht gereicht.
Ich denke manchmal wurde mehr und manchmal weniger geleistet.
Aber im Durchschnitt gesehen war es schon so wie es
die Zahlen wiedergeben. Zumindest weiß ich, das die
russische Seite ständig Kontrollen und Abnahmen gemacht
hat. Es durfte keine Zeitverzögerungen geben.
Frage 10: Durch Sondervergütung
war der Lohn höher als zu Hause (bedingt durch Auslöse
), die Zahlung von Rubel vor Ort ( als Lebensunterhalt
gedacht ), die Genex Rubel auf einem Sparkonto ( Analog
wie bei der Seefahrt, nur mit dem Unterschied hierbei
hat es sich nicht um Devisen gehandelt )
Frage 11: Zu Genex habe ich
keine besondere Beziehung. Es war ein Mittel um Gelder
anzusparen und dafür etwas aus einem Katalog zu kaufen.
Aber als besonderen Anreiz habe ich es nie betrachtet.
Frage 12: Um Heimurlaub zu
bekommen war es bei mir nicht wichtig wie lange ich
dafür arbeiten musste. Mir war es egal. Ich hatte keine
Sehnsucht nach der Heimat. Einmal im Jahr bin ich zu
Hause gewesen und auch nur für drei Wochen. Es war meine
Entscheidung das ich nicht gefahren bin.
Frage 13: Es gab Engpässe
zwischen den Russen und unserem Leistungsverhalten.
Wir waren teilweise für die Russische Seite zu schnell
mit unseren Leistungen. Das hing aber damit zusammen,
das die russische Seite mit der Projektierung nicht
nachgekommen ist. An diesen Stellen kam es zu Behinderungen.
Aber mehr ist mir dazu auch nicht bekannt.
Frage 14: Nein das sehe ich
nicht so. Für mich ist es ein Symbol der Zusammenarbeit
verschiedener Völker mit einem gemeinsamen Interesse.
Frage 15: Von den politischen
Spannungen habe ich nichts gemerkt.
Frage 16: Glasnost und Perestroika
haben mir bis heute nichts bedeutet. Was für mich zählt
ist Leistung. Ob der Normale russische Mensch in den
abgelegenen Teilen Russlands davon etwas zu spüren bekommen
hat, ist zweifelhaft.
Frage 17: Ich sehe das Jugendobjekt
nicht als ein solches Instrument. Ich denke hier ging
es einfach um Notwendigkeiten, der aller beteiligter
Staaten Rechnung getragen haben. Warum sonst strömt
noch heute Gas und Öl aus den Regionen in denen wir
tätig waren. Ich denke hier haben wirtschaftliche Interessen
eine Rolle gespielt.
Frage 18: Ist mir persönlich
nichts besonderes bekannt. Parolen diese Art habe ich
nicht gesehen. Das einzige was ich dazu weiß, der Kontakt
zu Monteuren aus der BRD war nicht erwünscht, aber auch
nicht verboten. Jedenfalls was mich betrifft.
Frage 19: Ich hatte am Standort
Asien wenig Kontakt zur russischen Bevölkerung. Mein
Einsatzort lag in der Steppe. Mehr Kontakt hatte ich
zu Tschechischen Bauleuten. Wir haben zusammen in einem
Camp gewohnt. Im zweiten Standort habe ich sehr viele
Kontakte zur russischen Bevölkerung bekommen. Auch Kontakte
zu russischen Betrieben sind entstanden. Es war eine
gute Zusammenarbeit.
Frage 20: Über Politik habe
ich mit russischen Leuten nicht gesprochen, das Thema
war nicht wichtig.
Frage 21: Man darf nicht vergessen,
das ich unter sozialistischen Verhältnissen erzogen
wurde und aufgewachsen bin. Meine Ausbildung verdanke
ich diesen Verhältnissen. Ich habe mich zwar niemals
dieser Politik gebeugt, aber ich habe auch sehr viel
dazu beigetragen, um die Verhältnisse zu verbessern.
Es ist nicht die Frage bin ich Freund oder nicht. Vielmehr
was kann ich tun um schlechtes zu verbessern.
Frage 22: Das die Mauer gefallen
ist habe ich in Russland erfahren.
Frage 23: Ich bereue nichts.
Wenn ich heute noch einmal eine Wahl hätte ich würde
wieder gehen.
Frage 24: Wenn ich an das
,, kalte Russland ,, denke, gehen mir als erstes die
schönen heißen Sommer durch den Kopf. Die Natur in ungeahnter
Größe. Die Weite der Berge, die Größe der Flüsse und
das Leben was wir dort gefunden haben.
Frage 25: Ich kann nichts
weiter dazu sagen. Es war eine harte aber auch eine
sehr schöne Zeit. Was soll ich vergessen, die Umstände
unter denen wir gearbeitet haben. Heute ist es auch
nichts anderes. Niemals werde ich etwas vergessen, weder
das eine noch das andere.
Frage 26: Ich stehe heute
noch mit vielen ehemaligen Kollegen und auch Leuten
aus Russland in Kontakt. Unter anderem auch mit Deinem
Onkel.
Zusatz: So den Fragebogen
habe ich soweit beantwortet. Ich kann darin aber nichts
erkennen, wie Deine Frage lautet ,
warum Dein Onkel seine Familie
verlassen hat um in weiter Ferne zu leben.
An dieser Stelle werde ich
nicht für Deinen Onkel antworten, sonder nur für mich
[...]
Der Grund warum wir- Die Trassenleute-
so zusammenhalten, ist wohl einfach zu benennen. Auf
engstem Raum mit eigener Kraft und dem notwendigen Zusammenhalt
haben wir das vollbracht, was man das Jahrhundert Bauwerk
nennt. Es ist der Schweiß, das Blut und die Liebe zu
dem, was uns verbindet.
Was Deinen Onkel betrifft,
so denke ich Du kannst Du stolz sein, einen solchen
Onkel zu besitzen. Einen Mann der für seine Liebe zu
einer Frau auch einsteht. Das ist der eigentliche Sinn
wenn wir von der Trasse reden, zu dem zu stehen was
wir meinen. Deswegen waren die meisten Leute dort.
Trassenerbauer Helfried Hainke
Frage 1: Ich war von 03 bis
11/85 in Gornosawodsk für 2 Zyklen und 1989 3 Monate
in Polasna/Dobrijanka im Technikbüro von IKR als Technischer
Leiter / Technologe / Konstrukteur / Projektant tätig.
Frage 2: In meinem Betrieb
IKR (Industrie- und Kraftwerksrohrleitungen) wurden
erfahrene Ingenieure für eine leitende Tätigkeit gesucht,
da habe ich gesagt, dass ich das machen würde und schon
war ich in der Mühle drin. Es folgte ca. 1 Jahr der
Überprüfung. Dann kam die Bestätigung, die Ausstellung
des Reisepasses und ab ging's.
Dazu muss man der heutigen
Generation erklären, dass ein Reisepass für DDR-Menschen
die absolute Ausnahme war. Wir waren ja auch erfolgorientiert,
wollten weiterkommen. Da war der Erhalt eines Reisepasses
ein wichtiger Schritt. So bekam ich dann später weitere
Auslandseinsätze. Aber nicht im Westen, dem kapitalistischen
Ausland. Übrigens wurde einem der Reisepass in der Heimat
sofort abgenommen und in der betrieblichen Reisestelle
sicher aufbewahrt. Damit man keine Republikflucht begehen
konnte! Das ist für heute unfassbar!
Schön, dass es anders geworden
ist und sich jeder frei bewegen kann!
Frage 3: Niemand hat mich
verurteilt, es war eher eine Hochachtung, dass man das
auf sich genommen hatte. Es bedurfte auch einer starken
Familie, denn nicht alle halten die monatelange Trennung
aus.
Ich danke heute noch meiner
Frau mit der ich nun 41 Jahre verheiratet bin.
Frage 4: Nein. Ich war weder
das eine noch das andere.
Frage 5: Wir wohnten in schönen,
ferngeheizten Baracken. Andere auch in Bauwagen, die
die Bewohner mit Braunkohlenbriketts selbst heizen mussten.
Als in der Verdichterstation Gornosawodsk sehr viele
Trassenerbauer vor Ort waren und das Wohnlager nicht
alle fassen konnte, mussten einige in der ca. 15 km
entfernten Stadt Gornosawodsk nächtigen. Das bedeutete
morgens und abends eine zusätzliche An- und Abreise
von/ zu der Baustelle von jeweils etwa 1 Stunde.
Frage 6: Meine Aufgabe bestand
in der technischen und technologischen Begleitung der
Montage. Die Montageunterlagen für die Verdichterstationen
waren so was von mangelhaft, dass ein gelernter Rohrleitungsprojektant
an dieser Stelle erforderlich war.
Die Montagekollektive (Bauleiter,
Meister, Schweißer, Rohrleger u.a.) waren darauf angewiesen.
So wie es bei jedem Hausbau
ist. Erst das Projekt, dann kann gebaut werden.
Viele Probleme waren eigenverantwortlich
zu lösen. Da es nicht möglich war in der Heimat nachzufragen,
musste man eben vor Ort entscheiden. Aber das Trassengesetz
"Geht nicht, gibt's nicht" galt für jeden, auch für
mich. So habe ich mir von der sowjetischen Bauleitung
die Unterlagen besorgt, da ging es dann. Im Vorteil
war man, wenn man in der Schule aufgepasst hatte und
russisch lesen konnte. Mein Schulwörterbuch half mir
dabei. Auch die Konsultationen, die ich mit dem Chefingenieur
für die Gasoprowod aus Kiew durchgeführt habe, waren
eine Hilfe. Anfangs noch mit Unterstützung des Dolmetschers,
dann später auch nur wir zwei! Techniker verstehen sich,
auch bei Sprachproblemen. Er erklärte mir auch den Unterschied
zwischen Russen und Ukrainern, das hilft mir heute beim
Verständnis der politischen Zusammenhänge in der Ukraine.
Frage 8: Mir ist davon nichts
bekannt, habe selbst die Meldungen über den Stand der
Arbeiten (z.B. Anzahl der Schweißnähte) abgeben müssen.
So als Überblick wie wir im Zeitplan liegen.
Frage 9: Nein. Bevor die 1.Ausreise
an die Trasse erfolgte habe ich lediglich einen so genannter
Trassenlehrgang besucht, wo über Verhältnisse, Verhaltensmaßregeln
sowie Bedingungen informiert wurde. Im täglichen Alltag
dort gab es keine politischen Schulungen.
Was auf den Parteiversammlungen
gesagt wurde weiß ich nicht.
Frage 10: Das war zum einen
die Verpflegung an den Standorten, die bestens war,
davon konnte man in der DDR nur träumen. Und die GENEX-Rubel,
die auf einem Konto angesammelt wurden. Das waren 3
Rubel täglich und entsprach 9,60 Mark auf dem Konto.
Ich habe dadurch einen PKW-Anhänger HP400 und die komplette
Badezimmerausstattung (Badewanne, Toiletten- und Waschbecken)
für das Haus, das ich 1986 gekauft habe, bekommen. Alle
Artikel waren in einem Ost-Genexkatalog, der das Lieblingslesebuch
aller Trassenerbauer war. West-Genex gab es nicht!
Frage 11: Genex war das Lieblingswort.
Ich sage DANKE. Ob es gerecht war, na ja?!
Frage 12: Der Urlaub war schon
wichtig. Wer Familie hatte, für den war das sehr wichtig.
Irgendwie war man nach 3 Monaten und fast jeden Tag
auf Arbeit doch verbraucht und musste den Akku wieder
aufladen.
Frage 13: Arbeitsmäßig gab
es für mich keine entspannte Phase. Ich kam immer hin,
als alles eigentlich schon zu spät war. Ich habe geschindert,
damit ich der Montage immer einen Schritt voraus war,
musste Probleme vorher erkennen. Denn ein Montagestillstand
durfte nicht eintreten. Die Termine waren wie ein Damoklesschwert!
Oft habe ich mir sonntags
ganz allein den Luxus geleistet. So konnte ich nach
Dienstschluss in der so genannten Varianthalle ein Stück
Kuchen, Kaffee und einen Kognak genießen. Dazu eine
Schallplatte oder ein Buch aus der Bücherei. Das war
meine Art auszuspannen und auf andere Gedanken zu kommen.
Abschalten!
Frage 14: Im Nachhinein wird
natürlich alles verklärt, wird das Schlechte vergessen
und das Schöne behalten. So, wie es im normalen Leben
ist. Aber die Gemeinsamkeiten, die Tage der Arbeit und
der Freizeit, die verbanden und wirken bis heute nach.
Immerhin waren auf engstem
Raum viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden
und aus verschiedenen Gewerken zusammen. Da gab es selbstverständlich
Probleme, die aber immer gelöst wurden, weil ja alle
in der gleichen Situation waren.
Fern der Heimat, Arbeit fast
jeden Tag, tägliche Enge mit den Kollegen. Da gab es
schon den "Trassenkoller", man hörte "Stimmen" usw.
Gut war der dran, der seinen
Partner mit hatte oder einen gefunden hatte. Oft wurde
im russischen Umfeld eine Partnerin gesucht, einige
haben diese dann auch geheiratet und leben gemeinsam
jetzt in Deutschland.
Nur wer "dabei" war, kann
dies nachfühlen, es ist nicht erklärbar.
Frage 15: Nicht so richtig,
obwohl die DDR-Bauleitung einen sehr großen Respekt
vor den "Freunden" hatte. Nach dem Motto: Der große
Bruder ist unfehlbar!
Frage 16: Nur soviel, dass
es ja den "Sputnik" gab, das war ein in deutsch gedruckter
russischer Riders Digest. Da war sehr viel von den Veränderungen
im Land zu lesen. Den "Sputnik" hatte man 1989 in der
DDR schon nicht mehr bekommen. Als ich im Frühjahr nach
Dobrijanka/Polasna kam, gab es den Sputnik auch. In
Perm war ein Laden, wo die deutschen Exemplare verkauft
wurden. Die parteigeführte DDR-Bauorganisation kaufte
aber alle auf und hielt sie unter Verschluss. Der rote
Adel legte auch da fest, was dem niederen Volk dient
oder besser, was nicht gut ist.
Roter Adel das waren die Leute,
die in der SED waren und immer mit dem Zusatz Gen.(Genosse)
genannt wurden. Zur Unterscheidung zu den parteilosen,
die die Bezeichnung Koll.(Kollege) hatten.
Frage17: Nein, eher als Versuch
der herrschenden Klasse, der Partei- und Staatsregierung
der DDR, sich zu beweisen, dass wir alles können, koste
es was es wolle. Ein Prestigeobjekt also.
Frage 18: Nein.
Frage 19: Ich hatte in Gorno
das Glück, sehr schnell im Territorium eine Familie
zu finden. Da bin ich dann mindestens einmal pro Woche
den Partisanska Doroga(ca. 1,5 km) durch den Wald nach
Koiwa, das direkt an der Bahnstrecke nach Nishni Tagil
liegt, gegangen. Habe dort die russ. Gastfreundschaft
genießen können. Das war besser als am Brett zu hängen
und immer die gleichen Gespräche über Geld und Lohngruppen
zu führen. Habe dort auch mit den Kindern gespielt,
war mit meinem Freund Jura zur Jagd (den ganzen Tag
das schwere Gewehr geschleppt!) und konnte auch Fußball-Europapokal
im TV sehen. Natürlich auch Pelmeni gegessen und Kartoffeln
direkt aus der Erde auf den Tisch - eine Leckerei!
Mit der Albina, die damals
4 Jahre alt war, habe ich gespielt, auch "Peter und
der Wolf" gesungen. 1989 in Polasna hatte ich nie Zeit
um in das Territorium zu gehen, da die Arbeitsaufgabe
meine Zeit ausfüllte.
Frage 20: In den Gesprächen
waren wir uns einig, auch gab es die gleiche Einstellung
zu den Parteibonzen. Beispiel: mein Freund Jura hatte
mit seiner Maschinka (ein Lastwagen) einen Unfall. Er
bekam Fahrverbot. Ein Parteigenosse, der das gleiche
Vergehen hatte nicht!
Frage 21: Kann ich nicht sagen.
Sozialismus war ein schöner Traum, aber nie zu verwirklichen.
Mit Sozialismus wurde nur eine andere Art zur Beherrschung
des Volkes durch eine sich selbst erhobene Elite bezeichnet.
Die Partei war immer unfehlbar, wer was anderes sagte,
war ein Klassenfeind und wurde dementsprechend behandelt.
Also galt der Spruch meiner Eltern: Sauf dich voll,
friss dich dick und halte dein Maul von Politik!
Frage 22: Da war ich nicht
an der Trasse, also daheim.
Frage 23: Nein, es war eine
schöne Zeit.
Frage 24: Russland ist ein
schönes Land. Sommer und Winter haben ihren Reiz. Der
Ural, wo ich war, ist eine traumhafte Gegend. Alles
was ich vorher von dem Land wusste, war nichts, ist
völlig neu durch den Aufenthalt dort geordnet worden.
Zum Beispiel wie es möglich ist, dass bei dieser Kälte
Mensch und Tier überleben kann. Man bedenke, Dauerfrostoden
und Vegetationsmöglichkeit nur von Juni bis September.
Lediglich in dieser Zeitspanne hat die Natur Zeit zu
blühen, Frucht anzusetzen, sich somit zu erhalten. Ich
bin im Sommer oft nach Arbeitsschluss von der Verdichterstation
zum Wohnlager durch den Wald gelaufen und konnte dort
die sich täglich veränderten blühenden Wiesen bewundern.
So wie in den Märchenfilmen.
Frage 25: Ich erinnere mich
vor allem an die Erlebnisse im "Territorium", obwohl
wir von unserem Sicherheitspersonal immer wieder gewarnt
wurden, dass wir uns in Gefahr begeben würden. Aber
gerade das hat mich bewogen alles mitzunehmen, was uns
geboten wurde. So waren wir regelmäßig zu Kulturveranstaltungen
im Kulturhaus Gornosawodsk, natürlich auch zu Tanzveranstaltungen,
dem "Stehtanz" oder "Steher" genannt. Deshalb Steher,
weil es keine Tische und Stühle gab, alles nur stand
oder tanzte. Alkohol für die Einheimischen wurde nicht
ausgeschenkt. Trotzdem waren die Jungs immer besoffen!
Auch die Teilnahme an der Demonstration anlässlich des
1.Mai und 9.Mai waren unvergessliche Erlebnisse. Das
Schönste waren aber vor allem die Besuche in "meiner"
Familie, mit der ich heute noch briefliche Verbindung
habe. Zur Zeit ist von uns wieder ein Paket dahin unterwegs.
Es soll zum Jolkafest dort sein. Vergessen kann ich
nichts, es wird ewig in meinem Herzen sein.
Frage26: Ja, mit einigen damaligen
Kollegen bin ich immer noch in Kontakt.
Trassenerbauer Olaf Münchow
Frage 1: An der Trasse war
ich vom 16.12.1982 bis 26.06. 1989 also 6 ½ Jahre.
Ich habe an allen 3 Bauabschnitten
der EGT ( Ukraine, Moskauer Bauabschnitt und Perm )
gearbeitet.
Frage 2: Ich hatte großen
Liebeskummer und wollte ganz einfach weit weg von der
DDR. Kurz vor der geplanten Hochzeit hatte mich meine
große Liebe verlassen. Die Trasse kam mir da gerade
recht.
Frage 3: Na alle waren stolz!!
Frage 4: Nein, man hatte jedoch
bessere Chancen, wenn man Mitglied der FDJ war.
Frage 5: Untergebracht waren
wir zum Teil in mobilen Wohnlagern, in Wohnwagen (hauptsächlich
beim Linearen Teil ) und ansonsten in komfortablen Baracken
oder Wohnblocks, die von uns errichtet wurden.
Frage 6: An der Trasse war
ich als Clubleiter beim HAN- Kultur beschäftigt. Unsere
Arbeit bestand darin in den Wohnlagern Freizeitaktivitäten
zu organisieren. Kino, Disco, Bibliothek, Nachrichtensendungen,
Beschallung von Speisesälen, Exkursionsfahrten, Konzerte
von
DDR- Bands , Modenschauen,
Fasching , Feiertagsveranstaltungen uvm. Mussten von
uns organisiert und durchgeführt werden.
Frage 7: Jeden Tag betrug
die tägliche Arbeitszeit 12 h bei 6 Tagen harter Arbeit
in der Woche.
Frage 8: Nein ganz im Gegenteil.
Frage 10: Sondervergütungen
waren das Genex-Konto in der Ukraine, am Moskauer Bauabschnitt
20 DDR Mark Trassenzuschlag, welcher in Perm 25 DDR
Mark betrug.
Zusätzliche Sondervergütungen
waren nach 3 Jahren ein Bezugsschein für ein Auto sowie
nach 5 Jahren ein Berechtigungsschein zum Bezug einer
Wohnung
Frage 11: Genex war super
.Mann konnte dort Sachen kaufen die es sonst nicht gab.
Unter anderem Lebensmittel und Konsumgüter aus dem „Westen".
Frage 12: Gearbeitet wurde
meistens 12 Wochen a 6 Tage mit 12 h. Die VAZ
( Vorarbeitszeit )wurde einem
gutgeschrieben und dann nach dem der Jahresurlaub alle
war als Freizeit zu Hause abgegolten.
Frage 13: Eine gespannte Phase
war für mich die Zeit des Urlaub. Ich konnte nicht früh
genug wieder zurück an die Trasse. Wenn ich dann dort
war begann die entspannte Phase
Frage14: Symbol der Freundschaft?
Auf alle Fälle!
Frage 15: Nein.
Frage 16: Man hat es versucht
und auch zum Teil geschafft.
Frage17: NEIN!!
Frage 18: Nein.
Frage 19: Ja. Kontakte waren
bei mir teils offiziell mit Komsomol oder privater Natur.
Frage 21: Na schlecht war
er nicht unbedingt. Mann hätte ihn etwas verändern müssen.
Frage 22: Ich war zu dem Zeitpunkt
schon zu Hause. Skeptisch!
Frage23: NEIN, ganz im Gegenteil!
Es erfüllt mich heute noch mit Stolz!!
Frage 24: Freundschaft, Kameradschaft,
eine Menge Freude , ein wunderschönes Land uvm.
Frage 25: Für mich gibt es
nichts was ich aus dieser Zeit missen möchte. Sie war
die schönste meines Lebens!!!!!!!!!!!!!!!
Frage 26: Ja mit sehr vielen.
Mein gesamter Freundeskreis besteht aus Trassenleuten.
Wir feiern öfters im Jahr zusammen, sind Silvester zusammen.
Außerdem bin ich mit meiner Frau die auch an der Trasse
und unserer Tochter die in Russland gezeugt wurde bei
fast allen Trassentreffen anzutreffen.
Zusatz:
Abschließend möchte ich sagen,
dass die Zeit an der Trasse wohl jeden geprägt hat der
da war.
Mann war eins dort. Mann hat
sich gegenseitig geholfen in schwierigen Situationen,
man hat gelacht , geheult und manchmal auch tierisch
einen gesoffen. Und am nächsten Tag ging es weiter.
Ich bin froh dort gewesen zu sein und würde - wenn es
die Möglichkeit gäbe- auch sofort wieder hin gehen.
Die Zeit trägt einen roten Stern im Haar!
Trassenerbauer Herwig Gundlach
Frage 1: Von Januar 1986 bis
Juni 1991 arbeitete ich an der Trasse.
Frage 2: Zum einem wollte
ich eine Menge Geld verdienen und zum anderen zog mich
die Abenteuerlust ins ferne "sozialistischen Ausland".
Außerdem träumte ich schon damals von einem eigenen
Auto für mich und meine Familie in der Heimat.
Frage 3: Die ganze Familie
war irgendwie stolz auf mich, aber auch verunsichert
und zum Teil ängstlich, da ich soweit von zu Hause entfernt
war.
Frage 4: Es war nicht vorgeschrieben
Mitglied der Partei oder der FDJ zu sein, doch wenn
man's war war es nicht schlecht!
Frage 5: Alle Unterkünfte
waren sehr gut ausgestattet und von bester Qualität,
schließlich wurden sie von uns aufgebaut und eingerichtet!
Frage 6: Meine Aufgaben lagen
am Anfang meiner Trassenzeit in der Be- und Entladung
der Waggons aus der Heimat und später erledigte ich
Transportarbeiten.
Frage 7: Jeder von uns musste
täglich die angesetzten Normen erfüllen und diese hingen
von Einsatzort ab.
Frage 8: Soweit ich es mit
bekommen habe wurden zumindest bei uns die täglichen
Arbeitsergebnisse manipuliert. War halt so!
Frage 9: Man wurde vor und
während des Arbeitseinsatzes am „Zentralen Jugendobjekt
Erdgastrasse" politisch geschult.
Frage 10: Wir Trassenerbauer
konnte eine Art Genexkonto in Anspruch nehmen. Außerdem
erhielten wir bereits nach drei Jahren eine Autobezugskarte,
auf welche die Genossen zu Hause oft zwölf oder mehr
Jahre warten mussten. Einen Wohnungsbezugschein erhielten
die Trassniks, die fünf Jahr an der Trasse waren.
Frage 11: Mit dem Wort Genex
verbinde ich zunächst das Bestellen von Waren per Katalog.
Persönlich konnte ich mir dadurch eine Stereoanlage
kaufen, die noch heute wunderbar läuft.
Frage 12: Nach dem man drei
Monate am Stück gearbeitet hatte konnte man dann für
einen Monat in der Heimat Urlaub machen. Ja ich habe
ihn in Anspruch genommen, da ich froh war, wenn ich
endlich Urlaub hatte. Als ich später meine jetzige Frau
kennengelernt hatte reduzierte ich meinen Heimurlaub
jedoch ein wenig.
Frage 13: Für mich und die
anderen in Tschaikowsky herrschte eigentlich immer eine
angespannte Phase, da die Termine immer drückten.
Frage14: Ja unbedingt.
Frage 15: Nein in keiner Weise.
Frage 16: Warum sollten sie
es vor uns verheimlichen? Schließlich waren wir im Grunde
genommen mitten drin und hätten es so oder so mitbekommen.
Frage17: Nein in keiner Weise.
Frage 18: Na logisch- wir
waren DDR- Bürger im sozialistischen Bruderland.
Frage 19: Ja ich hatte Kontakt
mit russischen Einwohner. Dadurch habe ich meine heutige
Frau Irina kennen gelernt.
Frage 20: Ja, doch meistens
unterhielten wir uns nicht über politische Angelegenheiten.
Frage 21: Ja natürlich. Ich
bin im Sozialismus aufgewachsen und sah das alles als
total normal an, schließlich waren wir es nicht anders
gewohnt.
Frage 22: Wiederkehrende Urlauber
aus der Heimat erzählten es uns eine Woche später.
Frage23: Nein auf keinen Fall.
Ich bin einfach nur stolz darauf, dass ich die Chance
hatte dabei gewesen sein zu dürfen- am grössten Bauobjekt
der Welt!
Frage 24: Zunächst fällt mir
da der starke kollegiale Zusammenhalt untereinander
ein und dann natürlich die Weite und Schönheit des Landes
sowie das erlebte Abenteuer und die Herzlichkeit und
Gastfreundlichkeit der Einwohner!
Frage 25: Es war die präsente
und schönste Zeit meiner Jugend, die ich nie missen
möchte.
Beim Recherchieren stieß ich
auf die Seite „Trassegästebuch". Hier konnte ich anfragen,
ob mir ehemalige Trassenerbauer Fragen zu meiner Facharbeit
beantworten würden. Das Entgegenkommen war sofort vorhanden
und so stellte ich den Fragenkatalog ins Netz. Leider
würde das Einfügen aller Antworten den Umfang der Facharbeit
übersteigen, so dass ich nur Beispiele eingefügt habe.
Um die Antworten den Fragen besser zuordnen zu können,
kann die beiliegende Folie des Fragenkataloges mobil
genutzt werden.
Beim Auswerten fiel mir gleich
auf, dass der Ehrenkodex für alle Trassenerbauer von
großer Bedeutung war und ist. Der Zusammenhalt untereinander
und für das zu stehen, was man meint sind nicht nur
leere Worte bei den Trassniks. Außerdem lebte man nach
dem Trassengesetz: „Geht nicht gibt's nicht!" Nur so
war die harte Arbeit unter extremen Bedingungen zu schaffen.
Die Beweggründe für den Einzelnen, zur Trasse zu gehen,
waren unterschiedlich, so wie die Beschäftigungszeiträume.
Die Bedingungen vor Ort, Leistungen zu vollbringen,
aber für alle gleich schwierig. Im Bekanntenkreis wurde
man für seinen Trasseneinsatz nicht abgewertet, Hochachtung
vor der schweren Tätigkeit und der großen Entfernung
spürten die Trassenerbauer.
Zu erkennen war für mich auch,
dass die politische Ebene keine besondere Rolle spielte,
sondern zum Alltag gehörte. Alle Trassenerbauer wuchsen
im Sozialismus auf und waren so an die Umstände gewöhnt.
Politische Zugehörigkeit spielte bei einer Bewerbung
keine Rolle, denn nur das Können war entscheidend. Symbol
Gleichgesinnter war die Erdgastrasse, Symbol der Menschen,
die ein Wirtschaftsobjekt realisieren wollten(siehe
Trassenhymne). Die Unterkünfte unterschieden sich kaum,
waren spartanisch eingerichtet- die Verpflegung luxuriös.
Nahrungsmangel gab es nicht, man war sogar verschwenderisch.
Die Kritiken zur Verschwendung gab es zwar, die Funktionäre
ignorierten es aber. Ob sie wohl dachten: „Wer schwer
arbeitet, muss gut essen können!" Alleinsein war selten.
Die Trassenerbauer hatten
einen eigenen Arbeitsrhythmus. Man leistete, was möglich
war- auch in Abhängigkeit vom Material und geographischen
Gegebenheiten Politische Spannungen oder Veränderungen
wurden von den Politfunktionären gern verschwiegen,
so dass es letztendlich um die Planerfüllung ging. Zurück
bleiben fast nur die schönen Erinnerungen, wie auch
sonst im Leben. Es wird nichts bereut, jeder Trassenerbauer
hat seine eigene Erfahrung an der Trasse gesammelt und
könnte selbst ein Buch füllen. Kontakte gibt es auch
heute- es ist eine Art Klassentreffen nach all den Jahren.
Welche Gedanken gehen mir
nun zum Ende meiner Facharbeit durch den Kopf? Als erstes
fallen mir dabei, wie schon in der Einleitung erwähnt,
die netten, hilfsbereiten und offenen ehemaligen Trassenerbauer
ein. Während meiner Arbeit halfen sie mir in vielen
Punkten sehr und hatten immer ein offenes Ohr für mich
und meine Fragen. Besonders möchte ich meinem Onkel
danken, den ich des öfteren mit meinen Fragen und Anliegen
löcherte. Außerdem möchte ich mich bei Helfried Hainke,
Werner Lathan, Olaf Münchow und „Locke" für die Antworten
auf meine Fragen bedanken.
Meine Kontakte konnte ich
mithilfe der modernen Technik(E-Mail) ermöglichen. Die
Materialfindung stellte sich im Laufe der Zeit als sehr
schwierig dar. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass
Dokumente und Fakten dieses ZJO zusammen mit der DDR
verschwanden. Wie wichtig ist es da, Recherchen und
Befragungen von Zeitzeugen(„Trassniks") durchzuführen!
Zu erkennen war auch, dass die Trassenerbauer nicht
alles preisgeben wollen. Sie wollen bestimmte Ereignisse
und Punkte ihrer gemeinsamen Geschichte für sich behalten-
als ein Symbol der Verbundenheit. Die Trassenerbauer
verdienen großen Respekt, auch dass man sie und ihre
geleistete Arbeit nicht vergisst. Sie haben in den Jahren
an der Trasse wahre Arbeit geleistet und das unter den
härtesten Bedingungen. Sie alle schrieben ein Stück
DDR- Geschichte. Das „Zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse"
war für die damalige Deutsche Demokratische Republik
und für die teilnehmenden Jugendlichen eine echte Herausforderung.
Dass die Erdgasleitungen noch heute in Betrieb sind
und Gas in den Westen transportieren, ist ein Beweis
für die gute und ehrliche Arbeit von jungen Menschen.
Einer meiner Hauptgründe zum
Schreiben der Facharbeit über die Erdgastrasse war herauszufinden,
was meinen Onkel ins entfernte Tschaikowsky, am Fuße
des Urals, verschlug. Werner Lathan hat mir besonders
dabei geholfen und mir versucht klar zumachen, warum
mein Onkel in Russland blieb. Natürlich wusste ich,
dass meine Tante einer der Gründe dafür war. Doch Herr
Lathan hat mir klar gemacht, dass ich stolz auf meinen
Onkel sein kann. Denn er hat das getan, was die Trassniks
meinen, wenn sie von der Trasse reden: „Zu dem zu stehen,
was sie meinen!" Ich bin stolz auf meinen Onkel, besonders
jetzt, wo ich weiß was er alles an der Trasse vollbrachte.
Natürlich vermisse ich ihn, sowie meine Tante und Cousinen,
doch ich weiß, dass er glücklich in Tschaikowsky ist.
Durch die Facharbeit konnte ich diesem Teil meiner Familie
etwas näher sein.
Ob die Trasse nun wirklich
ein Kampf- bzw. Machtmittel des Kalten Krieges war,
ist für mich auch nach intensiver Recherche nicht eindeutig.
In verschiedenen Lexika steht, dass es sehr wohl ein
Bereich des Kalten Krieges darstellte. Bei der Zeitzeugenbefragung
wurde mir klar, dass die Trassenerbauer sich und ihre
Arbeit ganz und gar nicht als ein Machtmittel im Kalten
Krieg sahen. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass
die DDR natürlich Erdgas brauchte. Dabei haben sie jedoch
gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen". Sie
wollten durch ihre Teilnahme beim Bau der Erdgastrasse
beweisen, was im Osten steckt und dem Westen zeigen,
was in ihnen und ihrer Wirtschaft steckt. Ob es sich
wirtschaftlich wirklich für die Deutsche Demokratische
Republik gelohnt hat, ist für mich jedoch fraglich.
Die DDR ging beim Bau der Erdgastrasse an ihre wirtschaftlichen
Grenzen und verbrauchte ihre Staatsreserven. Gelohnt
hat es sich für die DDR also nicht wirklich, zumal die
Gewinne durch die Wiedervereinigung an das vereinigte
Deutschland gingen.
Für mich steht das „Zentrale
Jugendobjekt Erdgastrasse" als ein Symbol Gleichgesinnter.
Die politische Einstellung spielte meiner Meinung nach
jedoch bei keinem der Bewerber eine große Rolle. Durch
die gemeinsame Arbeit an der Trasse fanden verschiedene
Kulturen zueinander und bauten sich Freundschaften auf,
die oft noch bis heute anhalten. Auch internationale
Familiengründungen fanden dadurch statt. Für die meisten
Trassenerbauer war die Arbeit an der Trasse sehr interessant
und vor allem prägend für das weitere Leben. Keiner
von ihnen möchte diese Zeit missen und alle sind stolz
auf das Geleistete.
Während meiner Recherche ist
mir aufgefallen, dass man in verschiedenen Medien viel
mehr über die „Drushba Trasse" finden kann. Beide Trassen
in eine Facharbeit zu „packen" wäre jedoch nicht machbar
aufgrund der hohen Quantität.
Meine Facharbeit über die
Erdgastrasse weckte mein Interesse, an einem Trassentreffen
teilzunehmen. Außerdem würde ich sehr gerne zu meinem
Onkel nach Tschaikowsky fahren und gemeinsam mit ihm
Orte der Trasse aufsuchen.
Trasse, was war das? Diese
Frage stellen sich viele meiner Mitschüler und Bekannten
und ich hoffe, dass ich ihnen mit dieser Facharbeit
eine Antwort auf diese Frage geben kann.
Mich
würde es freuen, wenn sie beim Wort Trasse nicht mehr
denken „Trasse, was war das?" sondern „Trasse, das war
was!"